Laptop Orchestra

Gestern Abend spielte eine Formation im Berliner Tachelis, die sich Laptop Orchestra nennt. Sieben Musiker, ein jeder in einem aufgeblasenen Plastikraum, vergleichbar mit einer Zelle, mit einem Laptop nebst Netzwerkverbindung zu den anderen sechs und diversen Eingabegeräten wie Maus oder auch Playstation-Pad bewaffnet, boten drei Stücke dar, deren Stil sich vielleicht am ehesten mit Minimal-Elektro beschreiben läßt, obwohl jedwede angewandte Schublade nur zu klein sein kann. Tiefgehende und vielschichtige, meist basslastige Texturen werden mit Clicks&Cuts unterschiedlichster Herkunft zu Klanggemälden von mal düsterer, mal geradezu heiterer Atmosphäre verbunden. So fühlt sich der Zuhörer in einen Soundtrack versetzt, der zu einem Psychothriller, einem apokalyptischen Zukunftsdrama, manchmal aber auch zu einem noch nie dagewesenen Filmgenre gehören könnte. Abwesenheit von Harmonien und Melodien bedeutet nicht, daß das Gehörte nicht musikalisch ist!

Spannungsbögen von unglaublicher Dramatik gehen über in lockerleichte Szenen, die wiederum in Parts von treibender Dynamik münden, in denen Samples in den Raum abgefeuert werden, als sollten sie die Geister der Gleichgültigkeit und Langeweile vernichten.
Die drei dargebotenen Stücke lassen sich thematisch sofort voneinander unterscheiden, wobei ich mich besonders an das zweite und dritte erinnere. Die zweite Komposition bestand vorwiegend aus Samples von Saiteninstrumenten, die kunstvoll ineinander gefügt wurden. Ab und zu hatte man den Eindruck, eine Cello- oder Violinensaite würde gestimmt, gedehnt, überdehnt, so daß kurz vor ihrem Zerreißen die Knebel dermaßen knarzten, daß man freiwillig in Erwartung umherfliegender Splitter die Augen schloß.
Das dritte Stück war aus Sprach- und Stimmensamples zusammengesetzt, die einander abwechselten wie kurze Verse. Ein akustisches Mosaik aus Lauten und Vokalen, die manchmal durch extremes Pitching verfremdet wurden und somit flächenartige Untergründe abgaben.

So erlebte der Zuhörer ein spannendes Konzert, daß mit keinem anderen vergleichbar ist. Die beinahe kraftwerksche Ästethik im Bühnenbild wird so passend von den Geräuschkollagen ergänzt, daß der Gast abwechselnd die Augen schließt und öffnet – nichts hat sich verändert, und doch ist nichts mehr, wie es war.
Ein wundervoller Abend!!!

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