dM #11

„Playing the angel“ – so heißt das nunmehr elfte reguläre Studioalbum der Band, die sich 1979 nach einem französichen Modemagazin benannte – Depeche Mode.

Rezensiert wurde diese Platte in den vergangenen Tagen zwar schon zur Genüge, doch möchte auch ich hier einige Worte darüber verlieren.
Es ist wohl die krachigste Scheibe, die die Drei jemals vorgelegt haben. Ein wenig rauh und kratzig, düster und poppig – so läßt sich der Sound am einfachsten beschreiben. Nachdem der Vorgänger „Exciter“ als Nachfolge der 1990er „Violator“ gelten sollte, ähnelt das neue Werk klanglich am ehesten der 1997 erschienenen „Ultra“ oder Martin L. Gore’s letzter Soloplatte „Couterfeit II e.p.“.

Zwölf Songs umfaßt die Scheibe, die mit nicht einmal 50 Minuten Spieldauer ziemlich kurz ist, was aber auch zeigt, daß hier offenbar mit großer Sorgfalt an die Auswahl der Tracks gegangen wurde. Mit deutlich melancholisch gefärbten Texten verarbeitete Martin Lee Gore diesmal unter anderem die Trennung von seiner Frau. Daneben geht es wie üblich um das Leben und die Liebe mit all ihren Schattenseiten. „Pain and suffering in various tempos“ – wie das Album nach kurzem Statement von Dave Gahan vor der Veröffentlichung heißen sollte, wurde dann zum Untertitel. Eine besondere Harmonie stellt sich beim Vergleich der Texte untereinander dar. Dave schrieb zum ersten Mal drei Songs für eine dM-Platte, deren Lyrics erstaunlich gut mit denen von Martin korrespondieren – fast so, als wären sie der selben Feder entsprungen. Daves Kommentar: „Ich hatte einen guten Lehrer.“
Jetzt zu den einzelnen Titeln:

# 1
Der Opener sorgt gleich zu Beginn für einen sorgenvollen Blick gen Anlage – ein „Störgeräusch“ schraubt sich empor und wieder herunter. Alles bestens, denn diese Kakophonie geht bald in einen grummelden Bass über und das Fest beginnt. „A pain that I’m used to“ – so der Titel – zeigt dem Hörer gleich, wo’s lang geht. Langsam baut sich auf, was in einen bombastischen Refrain mündet – Zerrgitarre und Störgeräusch und Stampfbeat
– wow!

# 2
Krachig geht es weiter mit „John the revelator“ – Johannes der Aufklärer, so könnte man den Titel verstehen. Mastermind Martin interpretiert wieder einmal Passagen der Bibel in gewohnt kritischem Ton, passend gesungen á la „Barrel of a gun“ von einem äußerst fordernden und lauten Dave Gahan. Musikalisch erinnert mich der Song ein wenig an die nach-Felt Mountain-Stücke von Goldfrapp – Beats mit beinahe Disco-Charakter und Gospelanleihen im Gesang – ein absolut gelungener Song
, der auch als Single wirken könnte.

# 3
Titel Nummer drei wiederum ähnelt ein wenig irgendeinem Song von And One – jeder eingefleischte (und manchmal leider auch intollerante) dM-Fan möge mir das verzeihen.
„Suffer well“ – der erste von Leadsänger Dave geschriebene Track auf einem Depeche Mode-Album erscheint als Mischung aus dichten, analogen Sounds in den Strophen, die im Übrigen einen Großteil des Klanggefüges der gesamten Platte ausmachen, und gitarrendominierten Refrains. Knartzige Sägezähne beenden diese wirklich feine Popnummer
, auf deren live-Präsentation man sich freuen darf.

# 4
„The sinner in me“ – es geht – wie der Untertitel der Platte schon sagt um Schmerzen und das Leiden selbst, und um die Seiten in uns, die uns immer wieder abweichen lassen von der Wahrhaftigkeit, der Ehrlichkeit. Schleichend und leidend, ein wenig masochistisch und im Selbstmitleid versunken lullt einen der Song ein, bis man durch ordentlich schruppende Gitarren wachgerüttelt wird. Der Schluß liefert einen traditionellen Hauch von Industrial.

# 5
Dieses Album rockt schon ganz gut. Umso heftiger wirkt da der Wechsel zur Vorauskopplung „Precious“ – dem fünften Track. Wie jedes Mal war die Spannung vor der Veröffentlichung (oder der pre-listening-session) immens. Zwar ließen die ersten Singles noch nie auf den Charakter eines dM-Albums schließen, dennoch beschlich sicherlich eine leichte Angst die Gemüter vieler Fans. Solch leichten und unbeschwerten Pop hatten wohl wenige erwartet, dabei mag die Leichtigkeit gar nicht zum Text passen. Mit „Enjoy the silence“-gleicher Einfachheit schreibt Martin dort sehr schön: „
things get damaged, things get broken, I thought we’d manage – but words left unspoken“. Zwar ein schöner und düsterer Song mit typischen Singlequalitäten, dennoch ist mir diese Nummer einfach zu leicht.

# 6
Eine wahrhaft mikrokosmische Reise tritt Martin in „Macro“ an. Erleuchtet erkennt er die wahre Schönheit allen Seins und
das Kleinste und Allerheiligste. Seltsam ist diese Nummer, seltsam und dennoch faszinierend. Martins Stimme ist nicht jedermannns Geschmack – meiner nicht unbedingt. Wie er jedoch mit ihr umgeht, sie in die Musik einbettet, oder die Musik drum herum aufbaut ist allerdings interessant. Mitunter wirkten diese Songs theatralisch wie Auszüge aus Musicals, oder wie Teile eines Soundtracks zu Endzeit-Filmen. Wahrhaftig apokalyptisch ist der Part kurz vor dem Schlußrefrain – brachiale Drums durch den Distortion geschickt und Psychostreicher drübergelegt – derartig kalte und harte Klänge hätte es sicherlich damals, als Alan Wilder noch maßgeblich für den Sound von dM verantwortlich war nicht gegeben, aber die Welt dreht sich eben weiter…

# 7
„I want it all“ – ein ruhiger Song, der das Verlangen nach mehr und noch mehr und das Hadern zwischen Hingabe und Zurückgezogenheit beschreibt. „I see a river, it’s oceans that I want, you have to give me everything, but everything’s not enough“ schreibt Dave in seinem zweiten Beitrag zur LP. Einer der ruhigeren Songs auf der Platte, und dennoch keine klassische Ballade.

# 8
„Nothing’s impossible“ ist wohl der Song, der den Charakter des Album am besten repräsentiert. Daves Nummer drei auf dieser Platte dreht sich vielleicht um seine eigene Art, in einer Beziehung zu agieren. „Ich habe heute erkannt, wie destruktiv ich in einer Beziehung sein kann…“ sagte er auf nightloop.de. Vielleicht trifft oder traf das ja auch auf die Auseinandersetzungen zwischen ihm und Martin zu, die ja vor einiger Zeit Trennungsgerüchte bewirkten. Düster ist dieser Song, doch läßt er auch Hoffnung erkennen. Klanglich wirkt er durch angezerrten Vocoder-Gesang, ein paar kleine Glöckchen nebst Untermalung, Gitarre und feinste Lo-Fi-Drums synthetisch und organisch zugleich. Diese Organik ist allerdings nicht gerade das Aushängeschild der LP. Obwohl ein wenig zu ruhig hat diese Nummer doch genügend Single-Potenzial, vorrausgesetzt, die Drums würden ein wenig aufgefrischt.

# 9
Mit „Introspective“ kommt ein Instrumentaltitel daher, der typischerweise etwas verstörend wirkt, dem man allerdings Eleganz und Sauberkeit nicht absprechen kann. Es sind eben diese Tracks, die unendlich viel Interpretaionsspielraum lassen, oder gar keinen.

# 10
Die Gitarre, spätestens seit der „Violator“ ein Muß auf dM-Platten erklingt in „Damaged people“ ganz wie in „Breathe“ vom Vorgängeralbum „Exciter“ oder wie bei Nancy Sinatras „Bang, bang“ mit schönem Tremolo im Hintergrund. Während die Musik abwechslend mal wie ein Kinderlied und mal wie in einem guten Ambienttrack erklingt, präsentiert uns Martin
in seinem Gesang wieder einmal eine Facette seiner selbst. Von fast erzählend vorgetragenen Strophen bis zu schwülstigen Passagen im Refrain ist alles dabei. Trotzdem verliert der Song nicht an Schönheit, was dem Dialog zwischen Gesang und seiner musikalischen Untermalung zu verdanken ist.

# 11
Da ist er endlich, der ersehnte Hit! Wenn „Lilian“ kein Tanzflächenfüller wird, dann kein Song dieser Platte! Auch dieser Song erinnert mich an einen anderen aus der Zeit der aufstrebenden Synthie-Pop-/EBM/Dark-Wave-Bands in den 90ern – allerdings an einen der besseren. Man könnte diesen Titel auch „Anatomie einer Verführung“ oder ähnlich nennen. In markante Melodien eingebettet, von dichten Drums getrieben heißt es dort:“ You’ve stripped my heart, ripped it apart in the name of fun“. In bester Depeche Mode-Hit-Manier läuft das Stück durch und endet nach 4 Minuten und 49 Sekunden. Keine großen Schnörkel lenken den Hörer ab, keine übertriebenen Produzentenfrickeleien vermiesen das Tanzvergnügen. Wieder einmal zerrt Daves Gesang, was auf dieser LP fast zum Standard wird, aber auch gut paßt, und Martin steuert die zweite Stimme bei – alt bewährt und gut!

# 12
„The darkest star“ – ein Song, der fast ein Überbleibsel der „Exciter“ sein könnte – oder ein gutes Bindeglied zu dieser Platte. Gefiepse und Gezwitscher über sachten Gitarren- und Klavierklängen begleiten Daves ruhigen Gesang, der im Refrain einem mehrstimmigen Martin begegnet. Es ist nicht gerade der beste Titel auf dem Album, ein guter Abschluß der „Playing the angel“ – die von diesem Stück ihren Namen hat, ist er aber allemal.

Fazit:
Eines muß man bemerken: Dieses Album ist wirklich nicht gefällig! Trotzdem gefällt es mir.
Ungewöhnlich rauh – ungewöhlich und rauh.
Der Eindruck, diese Platte sei etwas schmutzig produziert kann angesichts der verzerrten Drums und Gesangspassagen durchaus entstehen. Sowohl das Klangspektrum, als auch der Gesang sind dieses Mal für dM-Verhältnisse ein wenig extravagant. Sicherlich ist dies auch eine Folge der immer weiter fortschreitenden Technik, deren Grenzen Depeche Mode schon immer austesteten.
Vielleicht aber sollte sich dieses Album auch bewußt von der momentan angesagten und manchmal schon arg lanweiligen Old-School-Welle abheben, denn dieser Begriff trifft für den Sound dieser Platte zwar zu, dennoch ist es mehr – eben Depeche Mode!

Insgesamt klingt sie eher kühl, finde ich, wobei eine Wärme wie z.B. auf „Songs of faith and devotion“ oder „Black Celebration“ auch schwer erreichbar ist. Doch gerade hier gebe ich der Platte ein Minus. Während selbst sehr digital-elektronisch klingende Alben wie „Exciter“ oder „Violator“ wunderschön warm waren, ist „Playing the angel“ im Gegensatz dazu ein Eisblock – kalt, rauh und kantig.

Beim Gesang wurden in fast allen Titeln dieser Veröffentlichung wieder gekonnt die Stimmen von Dave und Martin zu einer Kollage verwoben. Hier läßt sich generell sagen, daß gerade die von Mr. Gahan im Lauf der Jahre immer entspannter, aber auch spannender wirkt und der Bariton nicht wie früher mit scharrender Dominanz eingesetzt wird, sondern auch oft in einer angenehmen Weichheit zu vernehmen ist. Martins Stimme hingegen wird immer offener und deutlicher, und nicht mehr so subtil wie früher eingesetzt.

Thematisch hat sich wenig geändert – von Bibelkritik bis zu tiefen und melancholischen Texten ist alles dabei. Martin Lee Gore beweist zum wiederholten Mal seine Qualitäten als großartiger Songwriter, und auch Dave Gahan zeigt, daß er mehr ist als nur Stimme und Gesicht der Band, sondern daß er ein Recht darauf hat, mit Martin zusammen Depeche Mode zu sein. Es ist sicherlich nicht das beste, aber ein gutes Album.

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