ein Abend in drei Akten

Bis Freitag Abend, 21 Uhr war es noch dem Countdown Timer in der Sidebar zu entnehmen – Recoil live in concert, und das zum allerersten mal. Doch damit können Viele nichts anfangen, deshalb hier und jetzt einige Worte zu diesem geschichtsträchtigen Ereignis.

Recoil – das ist das Solo-Projekt von Alan Wilder, dem ehemaligen Keyboarder, Klangverantwortlichen und Co-Produzenten von Depeche Mode. Seine Arbeiten prägten den Sound von dM und damit auch den der 80er Jahre insgesamt. Seit „Construction Time Again“ (1983) arbeitete Wilder an den Produktionen von dM-Alben maßgeblich mit – unter anderem mit Produzenten wie Mute Records-Chef und dM-Entdecker Daniel Miller, Gareth Jones oder Flood (Mark Ellis).

Seiner treibenden Kraft war es zu verdanken, dass Geräusche zu Musik wurden, wie z.B. in „People are people“. Seine Kreativität und Experimentierfreudigkeit, gepaart mit Martin Gores Songschreibertalent und Dave Gahans Charisma brachten dM immer wieder an die Spitze der Charts. Nach den aufreibenden Arbeiten an „Songs of faith and devotion“ (1993) und der anschließenden Welttournee aber trennte sich Alan Wilder 1995 von Depeche Mode, was in der Fangemeinde bis heute als gewaltiger Verlust für die Band angesehen wird.

Die drei dM-Alben „Construction Time Again“ (1983), „Some Great Reward“ (1984) und „Black Celebration“ (1986) wurden in den Hansa Studios im damaligen West-Berlin aufgenommen, bzw. abgemischt. An diesem historischen Ort, genauer im Meistersaal, ereignete sich Freitag Abend ein denkwürdiges Konzert. Alan Wilder präsentierte einen Überblick über sein bisheriges Schaffen, eine Kollektion der besten Songs von Recoil.

Begonnen hatte alles mit den Alben „1+2“ (1986) und „Hydrology“ (1988), den ersten beiden Veröffentlichungen von Recoil. Wilder fügte Samples aus den dM-Produktionen zu neuen Kollagen zusammen. Diese Werke sind besonders interessant, da hier der Sound von Depeche Mode zu hören ist, nicht aber die Songs von Martin Gore. Mit „Bloodline“ legte Wilder 1992 das erste eigenständige Werk vor. Der Unterschied zu dM war enorm, die Songs waren härter und düsterer – kein Pop eben. Es folgten „Unsound Methods“ (1997), „Liquid“ (2000) und „subHuman“ (2007).

„Unsound Methods“ ist bis heute das beste Album, das ich je gehört habe. Es zeigt Wilders ganzes Repertoire und beeindruckt mich immer wieder durch seine massive Intensität und gleichzeitig brillante Klarheit. Klanglich kann es durchaus als Fortsetzung des dM-Albums „Songs of faith and devotion“ gelten. Auf „Liquid“ hat er versucht einen Flugzeugabsturz zu verarbeiten, dessen Zeuge er und seine damalige Freundin und jetzige Ehefrau Hepzibah Sessa 1995 in Schottland wurden. Ein Tornado-Kampfjet war auf ihr Auto zugerast und kurz darauf auf einer Wiese zerschellt. Wilder hatte sich immer wieder gefragt, was die Piloten zuletzt gedacht haben mochten. „subHuman“ wurde dann ein teilweise politisches Album, in dem es um die Erhebung von Menschen über andere Menschen in verschiedenen Zusammenhängen ging.

Immer wieder hat Wilder andere Künstler für seine Werke verpflichtet, so z.B. Moby, Douglas McCarthy (Nitzer Ebb), seine Ehefrau Hepzibah Sessa, Maggie Estep oder Nicole Blackman. Häufig schrieben diese Gastsänger dann auch die Texte zu Wilders Songs. Am 19. April dieses Jahres wird nun „Selected“ erscheinen. Wilder hat dafür die stärksten Songs seiner Solo-Karriere noch einmal überarbeitet. „Selected“ wurde gestern Abend also mit dem Untertitel „A strange hour“ präsentiert, d.h. es war kein Konzert im üblichen Sinn, da es schon einmal keine Band gab. Doch zuerst zum ersten Akt des Abends.

Nachdem 21 Uhr den Wartenden endlich Einlass in die ehrwürdigen Hallen gewährt worden war, betrat ich also den Meistersaal (ehem. Studio 2), ein Saal mit beinahe barocker Schönheit, in dem auch Tagungen und Festlichkeiten begangen werden. Auf der Bühne standen links und rechts je zwei Tische, darauf zwei, bzw. drei Macs. Alan Wilder kam gegen 22 Uhr unter großen Applaus auf die Bühne und sprach über die Bedeutung der Hansa Studios für ihn und Depeche Mode.

Und dann begrüßte er sehr herzlich zwei Personen als „very special guests“ – Gareth Jones und Daniel Miller! Was für ein Moment, als die beiden auf die Bühne traten. Wilder verließ die Bühne und Jones und Miller begannen ihre Darbietung. Auf der Leinwand am hinteren Bühnenrand erschien eine Diashow mit Bildern des Matterhorns, das auch schon das Cover von „Construction Time Again“ zierte. Die Musik dazu kann man am ehesten als Medley-Remix von Hits wie „Love in itself“, „Pipeline“, „Everything counts“ oder „Two minute warning“  bezeichnen.

Jones und Miller verarbeiteten live Samples der 1983er Produktion und kombinierten sie mit einem knackigen Techno-Beat. Das mag für Außenstehende nicht besonders innovativ und spannend klingen, ist für den Liebhaber aber von unschätzbarem ideellen Wert. Es ist einfach etwas Besonderes, diese Leute, die Musikgeschichte geschrieben haben, auf der Bühne stehen zu sehen.

Es folgte nun der zweite Akt, der nicht weniger bedeutend war. Alan Wilder, Gareth Jones und Daniel Miller stellten sich den Fragen des Publikums. Eine Dame – ich habe leider vergessen, wer sie war, vielleicht eine Verantwortliche der Hansa-Studios – übersetzte und bat gleich zu Beginn, keine Fragen über eine Rückkehr zu dM zu stellen. Im Laufe der Runde gab es dann doch einen Deppen, der diese Frage stellte und prompt ausgebuht wurde.

Die übrigen Fragen waren wesentlich interessanter, so zum Beispiel, ob Martin tatsächlich die Ballade „Somebody“ nackt im Studio eingesungen hätte. Gareth meinte dazu, dass niemand die Antwort kenne. Er erklärte, dass Martin allein in dem Studioraum gewesen sei und sie damals keine Videos aufgenommen hätten. Niemand war dabei und keiner wird es je erfahren – es sei denn, von Martin persönlich. Dann drehten sich ein paar spannende Fragen um die Aufnahmen und die damalige Technik.

Hier gaben Gareth und Alan Auskunft und erklärten, dass beispielsweise Kabel durch die Decke des Meistersaaales gezogen wurden, um Aufnahmen in anderen Räumen zu ermöglichen, da diese andere klangliche Eigenschaften hätten. Auch das Synclavier wurde erwähnt – eine Synthesizer-Sampler-Kombination, heute würde man Workstation dazu sagen. Mit diesem Urgestein wurden Klänge, die z.B. auf Schrottplätzen aufgenommen worden waren, gespeichert, verfremdet, dann über Gitarrenverstärker abgespielt und schließlich wieder aufgenommen und anschließend in die Produktion eingebunden.

Ein Besucher fragte, ob Depeche Mode während ihrer Zeit in Berlin auch einmal den Ostteil Deutschlands besucht hätten, was Alan Wilder aber verneinte. Er sprach aber gerührt von dem Konzert am 7. März 1988 und dem phantastischen Publikum dort. Auf die Frage, welches dM-Album ihm am meisten gefallen würde, sagte Wilder, er würde alle aus ganz eigenen Gründen mögen, sein Favorit wäre aber „Songs of faith and devotion“, weil es eine unglaubliche Tiefe habe. Darauf gab es Applaus, da dieses 1993er Album auch bei vielen Fans als das beste überhaupt gilt.

Die Fragerunde war damit vorbei und es gab eine viertel Stunde Pause, in der sich Gareth Jones und Daniel Miller ein wenig unter die Gäste mischten und Autogramme gaben. Viele Gäste nutzten die Pause, um nach draußen an die frische Luft zu gehen, denn im Saal war es mächtig warm geworden. Tja, und plötzlich stand ich direkt neben Daniel Miller – das hat man ja auch nicht alle Tage. 🙂

Nun begann der dritte Akt – die eigentliche Präsentation des kommenden Albums „Selected“. Alan Wilder und Paul Kendall standen am rechten Bühnenrand hinter den obligatorischen Macs und feuerten „Selected“ ab. Es gab Songs wie z.B. „Faith healer“, „Jezebel“, „Want“, „Prey“, „Drifting“ oder „Luscious apparatus“ in bisher unbekannten Variationen zu hören und zwischendurch erklang für einige Takte sogar „Never let me down“, Alan und Paul standen vor ihren Gerätschaften und werkelten daran herum.

Untermalt wurden die Songs mit Videos auf der Leinwand. Es gab Clips zu sehen, die zuweilen sehr verstörend waren – H. R. Giger-Figuren, Explosionen von Wasserstoffbomben, Rotlichtszenen – eine perfekte Ergänzung zu Wilders komplexer Musik. So ist es auch immer die Symbiose aus Musik, Fotografie und Video gewesen, die ein Gesamtkunstwerk Recoil entstehen ließ. Den Film zum Konzert wird es als Bestandteil einer Box mit dem stolzen Preis von 60 Britischen Pfund auch zu kaufen geben.

Der Sound an diesem Abend war gut, aber eben nicht exzellent, was am Saal gelegen haben dürfte, der als Kammermusiksaal nicht für solch massive Bässe gebaut wurde. Nach lang anhaltendem Applaus ging der Abend dann eine viertel Stunde vor Mitternacht zu Ende und ich war glückseelig. Das war’s. Vielleicht zieht es Alan Wilder in ein paar Jahren mal wieder hinaus in die Welt, dann werde ich mit Sicherheit wieder versuchen eine Karte zu ergattern.

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