…als bislang angenommen…

Diese kleine, scheinbar unbedeutende (und heutzutage oft gehörte) Floskel, meint am Ende doch nur, dass die Augen der Seher nicht das Ungeheuer kommen sahen, was dann letztlich doch die schöne Prinzessin verschlang, oder dass die “Experten” doch keine sind, weil sie keine Ahnung von dem System haben, das sie beurteilen sollten – wie man will. Die ganze Tragweite der Finanzkrise wäre ein passendes Beispiel dafür, oder die Entwicklung unserer Staatsschulden. Interessanterweise wird dabei eines deutlich:

Liegt der tatsächliche Wert einer Kennzahl über dem zuvor angenommenen (mehr/höher/größer als bislang erwartet), so sind die Auswirkungen meist negativer Art, z.B. bei Themen wie Ausgaben, Verschuldung und Haushaltsloch; ebenso verhält es sich jedoch bei Werten, die niedriger ausfallen als erwartet wurde (weniger/geringer als bislang erwartet), wie etwa Steuereinnahmen, Gewinn- oder Absatzzahlen. Daraus lässt sich schließen, dass in jedem Fall (Ausnahmen werden auch diese Regel nur bestätigen) schöngeredet wird bevor dann am Schluss das dicke Ende naht.

Wie bei jeder Erforschung eines Phänomens, so wollen wir auch hier nach einer Ursache suchen. Die Frage, die sich mir in solchen Momenten stellt, lautet: Qui bono? (Wem nützt es?) Antwort: Natürlich demjenigen, der beruhigen möchte, der von den wahren Verhältnissen ablenken und sein Gegenüber beschwichtigen möchte. Regierungen, Wirtschaftsbosse, Finanzgenies – sie alle haben ein gemeinsames Interesse. Sie wollen die Maschine am Laufen halten, und das um jeden Preis. Da werden Bilanzen frisiert, Zahlen erfunden und Indizes manipuliert das es eine wahre Freude ist.

Doch wovor haben sie Angst? Vor einer schleichenden Entwicklung, die nicht aufzuhalten ist. Sie haben Angst davor, dass immer mehr Menschen trotz “Geiz ist geil” und “Ich bin doch nicht blöd” erkennen, wie das System funktioniert. Denn das könnte Stürme der Entrüstung (und noch mehr) hervorrufen, was wiederum das stets sich drehende Rad des Konsums bremsen und vielleicht sogar zerbrechen könnte – um Gottes Willen, nein!

Wie sähe die Welt aus, wenn es keine Millionen- und Milliardengewinne mehr für Aktionäre von Großkonzernen gäbe? Wie würde sich eine gerechte Verteilung der Rohstoffeinnahmen von Entwicklungsländern auf die Weltpolitik auswirken? Welchen Einfluss würden Industrielle noch haben, wenn die Produktionsmittel in den Händen deren lägen, die den Profit erwirtschaften, welche Macht hätten Broker und Banker (oder Bankiers, wie Horst Köhler heute betonte), wenn es keinen Zinswucher und keine mehr gäbe? Es wäre eine Katastrophe für die Pupenspieler dieser Welt.

Doch die Entwicklung lässt sich nicht aufhalten, durch nichts und niemanden – die Geschichte hat es gezeigt, immer und immer wieder. Inzwischen stehen Menschenrechte in den Verfassungen vieler Staaten niedergeschrieben und man bemüht sich um ihre Einhaltung. Immer mehr Menschen sehen ein, dass der ungehemmte Raubbau an der Natur die Existenz aller Arten von Tag zu Tag mehr bedroht. Immer mehr Menschen wissen, dass Geld genauso tötet wie Armut und Hunger.

Da Wissen gleich Macht ist und Macht sich bis jetzt in den Händen von Wenigen konzentriert, haben diese Wenigen Angst davor, dass sich das Wissen um die wahren Verhältnisse verbreitet – also werden überzogene und realitätsferne Erwartungen geweckt um zu beruhigen. Wenn diese Erwartungen dann enttäuscht werden (shit happens) hat man wieder einen Grund ergefunden, um dort zu kürzen, wo dank vieler Bedürftiger große Summen benötigt werden – im Sozialbereich.

Dann fallen die Ausgaben für die Bildung, für Familien oder das Gesundheitswesen eben geringer aus als vorher erwartet, tja…

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